• Dr. Renoirte

Was Eltern über Fluorid wissen sollten

Aktualisiert: 28. Apr. 2021

Aufgrund unterschiedlicher Empfehlungen von Kinderärzten, Zahnärzten, Hebammen, Heilpraktikern, Verwandten und Bekannten entstehen einige Fragezeichen

Von den Eltern meiner kleinen Patienten werde ich als Kinderarzt häufig zum Thema Fluoridsupplementierung in den ersten zwei Lebensjahren befragt. Aufgrund unterschiedlicher Empfehlungen von Kinderärzten, Zahnärzten, Hebammen, Heilpraktikern, Verwandten und Bekannten entstehen einige Fragezeichen:


Warum muss ich meinem Baby Fluoridtabletten verabreichen, es hat doch noch keine Zähne? Ist das Fluorid im Kombinationspräparat mit dem Vitamin D für die Koliken meines Säuglings verantwortlich? Ist Fluorid giftig und muss ich mir Sorgen um die Gesundheit meines Babys machen? Warum sind die Empfehlungen der Zahnärzte anders als die der Kinderärzte?

Aufgrund dieser vielen Stimmen von links und rechts entscheiden sich die Eltern dann häufig auf die orale Gabe zu verzichten und leider kann es dann vorkommen, dass die Kinder auch im Kleinkindalter keine fluoridhaltige Zahnpasta erhalten, z.T. weil die Eltern darüber nicht informiert sind, weil die Kinder das Zähneputzen abwehren oder weil sie die Zahnpasta noch gar nicht ausspucken können und die Eltern die Toxizität des Fluorids befürchten. Umgekehrt habe ich es auch schon erlebt, dass Kinder weiterhin das Kombinationspräparat mit Vitamin D und Fluorid erhalten und mit fluoridhaltiger Zahnpasta putzen. Sie erhalten damit zu viel Fluorid.


Was ist eigentlich Fluorid und warum wird es für die Kariesprophylaxe benötigt?


Fluoride sind Salze der Fluorwasserstoffe und sind in gebundener Form nicht giftig.


Unser Zahnschmelz besteht aus Hydroxylapatit, einem Mineral aus Calcium, Phosphat und Hydroxitionen; zusammen bilden sie ein Kristallgitter. Unsere Zähne sind so bei hohem pH-Wert gut geschützt. Sie sind von einem Biofilm aus Mikroorganismen umgeben, dem sogenannten Plaque. Wenn kohlenhydratreich und vor allem zuckerreich gegessen wird, dann bilden die Bakterien Säuren. Dadurch sinkt der PH-Wert, es kommt zur Demineralisierung, der Zahnschmelzes löst sich auf und es entstehen Löcher, also Karies. Fluorid trägt zur Remineralisierung bei, da es mit Calcium und Phosphat das Fluorapatit bildet und damit die Auflösung des Zahnschmelzes vermindert.


Wieviel und in welcher Form soll Fluorid denn nun eingenommen werden? Was sagt die Wissenschaft?


Als Kinderärztin orientiere ich mich an den sogenannten Leitlinien der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V.). Leitlinien enthalten wissenschaftlich begründete und praxisorientierte Empfehlungen. Sie enthalten einen Konsens mehrerer Experten aus verschiedenen Bereichen und sollen zu einer wissenschaftlich begründeten ärztlichen Vorgehensweise motivieren.

Im Fall der Leitlinie „Fluoridierungsmaßnahmen zur Kariesprophylaxe“ von 2013 (wird aktuell überarbeitet) ergab sich jedoch keine Übereinstimmung zur Anwendung fluoridhaltiger Zahnpasta und Fluoridtabletten im Vorschulalter zwischen den Vertretern der Zahnärzte und der Kinderärzte.


Die Empfehlungen der kinderärztlichen Fachgesellschaften:


Damit Kinder lernen, ihre Zähne regelmäßig zu putzen, ist es wichtig, dass sie in positiver Weise, spielerisch an die regelmäßige Reinigung gewöhnt werden. Die Reinigung sollte anfangs mit Wasser und Wattestäbchen oder speziell geformten Kinderzahnbürsten erfolgen, da fluoridhaltige Zahnpasta nicht zum Verschlucken geeignet ist.

Zahnpasten sollen also erst dann regelmäßig verwendet werden, wenn das Kind Zahnpasta nach dem Zähneputzen weitgehend ausspucken kann, in der Regel ab dem 5. Lebensjahr.


Daher wird von den Kinderärzten im Säuglings- und Kleinkindalter die tägliche Zufuhr eines Fluoridsupplementes empfohlen. Die empfohlene Tagesdosis für Kinder von 0 bis 2 Jahren beträgt 0,25mg/Tag, bei Kindern zwischen 2 und 4 Jahren 0,5mg.


Die Empfehlungen der zahnärztlichen Fachgesellschaften:


Die Anwendung einer geringen Menge fluoridhaltige Kinderzahnpasta (500 ppm F) zur Zahnpflege ab Durchbruch der ersten Milchzähne (also mit ca. 6 Monaten) sollte einmal am Tag erfolgen. Eine Gabe von Fluorid in Tablettenform wird nicht empfohlen.


Ab dem Alter von zwei Jahren sollte zweimal täglich mit einer geringen Menge (ungefähr 5 mm langer Zahnpastastrang = erbsengroße Menge) fluoridhaltiger Kinderzahnpasta geputzt werden. Nach Durchbruch der ersten bleibenden Zähne sollte zweimal täglich eine Erwachsenenzahnpasta verwendet werden.


Wird regelmäßig eine relevante Menge an fluoridiertem Speisesalz zugeführt (die Aufnahme von mind. 1 g fluoridiertem Haushaltsalz pro Tag entspricht 0,25 mg Fluorid) und regelmäßig fluoridhaltige Zahnpasta verwendet, soll die Gabe von Fluoridtabletten entfallen.


Meine Empfehlungen:

Da sich nicht alle Eltern mit den divergierenden Meinungen der Kinder- und Zahnärzte auseinandersetzen wollen, empfehle ich in der Regel die Gabe eines Kombinationspräparates mit Vitamin D und Fluorid ab dem 10. Lebenstag, um die Zahnreife bereits vor Durchbruch zu unterstützen. Dieses Kombinationspräparat sollte bis zum zweiten Geburtstag gegeben werden. Das Zähneputzen sollte vorher mit Wasser oder einer fluoridfreien Zahnpasta geübt werden. Ab dem 3. Lebensjahr kann mit einer erbsengroßen Menge an Zahnpasta mit 1000ppm Fluorid geputzt werden. Das Kind sollte zum Ausspucken animiert werden.

Weitere Bausteine für gesunde Zähne sind selbstverständlich eine ausgewogene Ernährung und das Vermeiden von Snacks, eine gute Mundhygiene und regelmäßige Zahnarztbesuche ab dem ersten Milchzahn.

Auf das Trinken von zuckerhaltigen Getränken oder das „Dauernuckeln“ an einer Flasche sollte verzichtet werden.

Ob das Fluorid die Ursache von Bauchschmerzen beim Säugling ist, kann nicht abschließend beantwortet werden. Viele Säuglinge leiden an den sogenannten Säuglingskoliken, die unter anderem durch die Unreife des Darms und der Entwicklung des Mikrobioms erklärt werden können. Verständlicherweise sucht man als Eltern den Verursacher der Beschwerden. Meist kommt es jedoch nach dem Absetzen vom Kombinationspräparat nicht zu einer Besserung der Beschwerden.

Da sich die Leitlinie zu den Fluoridierungsmaßnahmen in Überarbeitung befindet, bin ich gespannt, ob es demnächst eine Veränderung der Empfehlung geben wird und werde dann gerne wieder berichten.

Dr. med. Esther Renoirte

Quelle: S2k-Leitlinie: „Fluoridierungsmaßnahmen zur Kariesprophylaxe“ Stand 2013


Aktuelle Beiträge

Alle ansehen